Ving Tsun Kung Fu -
Von der Legende bis in die Gegenwart

Wie die Nonne Ng Mui das Kung Fu revolutionierte

Stell dir vor, du stehst jemandem gegenüber, der stärker ist als du.

 

Jemand, der dich bedroht und keine Rücksicht nimmt.
 

Was tust du?

 

Vor dieser Frage stand auch eine junge Frau namens Yim Wing Chun. Sie lebte in einem kleinen Dorf und wurde von einem einflussreichen Mann bedrängt. Doch sie war nicht allein.

 

Eine buddhistische Nonne namens Ng Mui nahm sich ihrer an. Ng Mui war nicht irgendeine Lehrerin. Sie war eine Überlebende des Shaolin-Klosters, das in einer Zeit voller Gewalt und Unterdrückung zerstört wurde. Die wenigen, die entkamen, trugen das alte Wissen in sich, und Ng Mui war eine von ihnen.

 

Sie floh in die Berge. Dort, in der Stille und Abgeschiedenheit, begann sie über eine neue Art des Kämpfens nachzudenken. Eine, die nicht auf roher Kraft beruhte, sondern auf Struktur, Klarheit und Timing. Eine Methode, die jedem Menschen ermöglichen sollte, sich zu verteidigen – unabhängig von Körpergröße oder Muskelkraft.

 

Eines Morgens beobachtete sie einen Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange. Die einfachen, direkten Bewegungen des Kranichs beeindruckten sie tief. Diese Szene ließ sie nicht mehr los. Sie wurde zum Auslöser für eine Idee, die sie weiterentwickelte: eine neue Kampfkunst, die auf Präzision, Effizienz und innerer Ruhe basierte.

 

 

Ein Kranich steht auf einem Bein neben einer Schlange.

Als Ng Mui auf Yim Wing Chun traf, erkannte sie sofort den Mut und die Entschlossenheit der jungen Frau. Sie begann, sie zu unterrichten. Wing Chun lernte schnell. Mit Hingabe und Ausdauer arbeitete sie an jeder Bewegung, übte jede Technik mit Feingefühl und Konzentration.

 

Schließlich kam der Tag, an dem sie dem Mann gegenüberstand, der sie unterdrücken wollte. Im Beisein des ganzen Dorfes stellte sie sich ihm. Sie blieb ruhig, klar und entschlossen und besiegte ihn.

Aus dieser Erfahrung entstand eine Kampfkunst, die ihren Namen trägt: Wing Chun.


Bis heute wird sie von Menschen auf der ganzen Welt trainiert. Nicht, weil sie spektakulär aussieht, sondern weil sie funktioniert.

 

Wing Chun zeigt, dass wahre Stärke nicht in roher Gewalt liegt, sondern in Klarheit, Haltung und der Fähigkeit, sich selbst zu vertrauen.

Was die Legende von Ng Mui und Wing Chun für mich bedeutet
 

 

Auch wenn die Geschichte von Ng Mui und Yim Wing Chun seit Generationen erzählt wird, gilt sie heute als Legende. Historisch belegen lässt sich weder die Existenz von Ng Mui noch der genaue Ursprung der Kampfkunst in dieser Form. Wahrscheinlich ist, dass viele Elemente dieser Erzählung später entstanden sind – als Symbol, als Erinnerung, als Ermutigung.

 

Trotzdem finde ich diese Geschichte wertvoll. Besonders im Kindertraining erzähle ich sie gern. Natürlich Kindgerecht. Denn sie steckt voller Bilder und Ideen, die berühren:
 

Eine Frau, die trotz aller Verluste nicht aufgibt.


Eine Lehrerin, die ihr Wissen weitergibt, um anderen zu helfen.


Eine junge Schülerin, die für sich einsteht und Mut zeigt, obwohl sie schwächer erscheint als ihr Gegner.

 

Diese Geschichte erzählt von Gerechtigkeit, innerer Stärke, Selbstvertrauen und Klarheit. Sie zeigt, dass es manchmal nicht die Stärksten sind, die gewinnen, sondern die, die ruhig bleiben, denken und an sich glauben. Genau deshalb gehört sie für mich zum Herz dieser Kampfkunst – auch wenn sie vielleicht nie genau so passiert ist.

Wie aus der Legende von Wing Chun eine Kampfkunst wurde

Doch auch wenn die Geschichte rund um Ng Mui und Yim Wing Chun zur Legende geworden ist, wurde das, was sie verkörpert, weitergegeben. Von Mensch zu Mensch, Generation für Generation – oft im Stillen, oft im Verborgenen.

 

Der Überlieferung nach war es Leung Bok Chau, Yim Wing Chuns späterer Ehemann, der das neu entwickelte Kampfsystem von ihr lernte. Was genau mit diesem Wissen geschah, nachdem sie es weitergegeben hatte, liegt im Dunkeln. Es gibt keine Aufzeichnungen, keine belegbaren Namen – nur mündliche Erzählungen, die von einer Weitergabe innerhalb kleiner, vertrauensvoller Kreise berichten.

 

Ein Stück Klarheit bringt erst wieder das 19. Jahrhundert – genauer gesagt eine reisende Operntruppe, die auf sogenannten „Roten Booten“ unterwegs war. Diese schwimmenden Theaterbühnen waren nicht nur kulturelle Treffpunkte, sondern auch Orte, an denen sich Rebellen, Künstler und Kampfkünstler begegneten – Menschen, die abseits der Öffentlichkeit lebten und ihr Wissen teilten.

 

In dieser Truppe sollen sich zwei Männer besonders hervorgetan haben: Wong Wah Bo und Leung Yee Tai. Beide verfügten über umfangreiche Kampferfahrung und tiefes Verständnis für Bewegung und Technik. Der eine soll bereits mit dem Wing-Chun-System vertraut gewesen sein, der andere war besonders geschult im Umgang mit dem Langstock. Sie begannen, ihr Wissen zu kombinieren und das System gemeinsam weiterzuentwickeln – präzise, funktional, auf den Punkt.

 

 

Junge Kämpferin in traditioneller Kleidung mit einem Stock in der Kampfposition.

Einer ihrer Schüler war ein angesehener Arzt aus Foshan: Leung Jan. Er war nicht nur für seine medizinischen Kenntnisse bekannt, sondern auch für seine Fähigkeit, die Prinzipien dieser Kampfkunst zu verstehen, anzuwenden und weiterzugeben. Mit ihm wird Wing Chun erstmals greifbar – ab diesem Punkt beginnt die dokumentierte Linie. Leung Jan unterrichtete seine Söhne und einige wenige Schüler, die sein Wissen mit Sorgfalt bewahrten und in die nächste Generation trugen.

Von Leung Jan zu Ip Man – der Weg in die Moderne

 

Leung Jan war einer der letzten, die Wing Chun im alten China noch im privaten Rahmen lehrten. Er gab sein Wissen vor allem an seine Söhne weiter, aber auch an ausgewählte Schüler – einer von ihnen war Chan Wah Shun.

 

Chan war ursprünglich Geldwechsler und Schüler in Leung Jans Apotheke in Foshan. Er trainierte intensiv und übernahm später selbst die Rolle des Lehrers. Da Leung Jan bereits im hohen Alter war, lernte Chan Wah Shun das meiste vermutlich von einem engen Schüler Leung Jans namens Ng Chun So, mit dem er gemeinsam unterrichtete.

 

Chan Wah Shun wiederum unterrichtete einen jungen Mann, der später die Welt des Wing Chun verändern sollte: Ip Man. Als Kind begann Ip Man bei ihm zu trainieren – als letzter offizieller Schüler, bevor Chan starb.

 

Ip Man setzte die Linie fort, bildete sich weiter, lernte später erneut bei einem Schüler Chan Wah Shuns – Leung Bik, dem Sohn von Leung Jan – und verband so zwei Linien, die beide auf denselben Ursprung zurückgehen.

 

Als Ip Man viele Jahre später nach Hongkong ging, begann er dort, öffentlich zu unterrichten – etwas, das bis dahin unüblich war. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Wing Chun fast ausschließlich im Verborgenen weitergegeben. Durch Ip Mans Arbeit wurde das System bekannt, zugänglich – und entwickelte sich zu der weltweiten Kampfkunst, die heute von tausenden Menschen praktiziert wird.

Ip Man – der Mann, der Wing Chun in die Welt brachte

Ip Man wurde 1893 in Foshan geboren. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie und wuchs in einer Zeit des Umbruchs auf. Schon als Jugendlicher begann er mit dem Wing-Chun-Training bei Chan Wah Shun, einem direkten Schüler von Leung Jan. Nach dessen Tod setzte er sein Training unter Leung Bik fort, dem Sohn von Leung Jan.

 

Ip Man verband das, was er von beiden Lehrern gelernt hatte. Sein Unterricht war klar, durchdacht und frei von Show. Ihn interessierte nicht die Außendarstellung, sondern die Frage, was wirklich funktioniert.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und politischen Umwälzungen in China zog Ip Man 1949 nach Hongkong. Dort begann er zum ersten Mal, Wing Chun öffentlich zu unterrichten. Bis dahin wurde das System meist nur im kleinen Kreis, innerhalb von Familien oder Schülerlinien, weitergegeben.

 

Ip Man bildete viele Schüler aus. Einige davon prägten das moderne Wing Chun entscheidend. Dazu gehört unter anderem Leung Sheung, sein erster Schüler in Hongkong, der vielen die Tür zu dieser Kampfkunst öffnete. Auch Wong Shun Leung, der für seine kämpferische Klarheit bekannt war, lernte bei ihm. Und nicht zuletzt Bruce Lee, der bei Ip Man seine ersten Erfahrungen mit Wing Chun sammelte.

 

Schwarze Weltkarte mit Fokus auf Asien und Europa.

 

Trotz seiner späteren Bekanntheit blieb Ip Man ein bescheidener Mensch. Für ihn war Wing Chun kein Selbstzweck, sondern ein Weg zur inneren Entwicklung. Es ging ihm um Klarheit, um Kontrolle, um das richtige Maß.

 

Bis zu seinem Tod im Jahr 1972 widmete er sich dem Unterricht und der Weitergabe dieser Kunst. Durch ihn wurde Wing Chun weltweit bekannt und für Menschen unterschiedlichster Herkunft zugänglich. Was einst im Stillen begann, wurde durch ihn zur offenen Schule – und zur lebendigen Tradition, die bis heute weiterlebt.

Wong Shun Leung – der Kämpfer, der Wing Chun schärfte

Einer der prägendsten Schüler Ip Mans war Wong Shun Leung. Er war bekannt für seine direkte, klare Art zu kämpfen und zu lehren. Was er lernte, stellte er auf die Probe – nicht im Dojo, sondern im echten Leben. In sogenannten Beweis-Kämpfen, den "Beimo", trat er gegen Kämpfer verschiedenster Stile an. Nicht um zu provozieren, sondern um herauszufinden, was wirklich funktioniert.

 

Wong war nicht nur ein brillanter Kämpfer, sondern auch ein scharfer Beobachter. Er analysierte Abläufe, suchte nach Prinzipien, nicht nach festen Techniken. Sein Wing Chun war lebendig, klar und ehrlich. Viele sagen, dass er das System von Ip Man weiterentwickelte und geschärft hat, ohne es zu verbiegen.

Auch Bruce Lee war von ihm beeindruckt. Lee trainierte regelmäßig mit Wong Shun Leung, bevor er eigene Wege ging – und betonte später, wie stark Wong ihn geprägt hatte.

 

Wong Shun Leung unterrichtete bis zu seinem Tod im Jahr 1997. Seine Schüler führen seine Linie bis heute fort – direkt, klar, und mit dem Geist, den Wing Chun von Anfang an getragen hat: mutig, durchdacht und auf das Wesentliche konzentriert.

 

Zu den bekanntesten Schülern von Wong Shun Leung zählen unter anderem Philipp Bayer, Gary Lam, Nino Bernardo, David Peterson, und Wan Kam Leung. Jeder von ihnen hat auf seine eigene Weise dazu beigetragen, das Wing Chun seines Lehrers zu bewahren, weiterzugeben und in unterschiedlichen Ländern zugänglich zu machen. Obwohl ihre Wege verschieden sind, verbindet sie eine gemeinsame Wurzel: das Verständnis von Wing Chun als etwas Lebendigem.

Welche Schreibweise ist richtig?       
Wing Chun, Ving Tsun oder Wing Tsun einfach erklärt

Wenn du dich mit Wing Chun beschäftigst, wirst du schnell merken, dass es viele verschiedene Schreibweisen gibt. Wing Chun, Ving Tsun, Wing Tsun, Wing Tzun oder auch Yong Chun. Auf den ersten Blick mag das verwirrend erscheinen, im Kern handelt es sich jedoch um dasselbe Kampfsystem – ausgehend von derselben Wurzel, nämlich der Yip-Man-Linie.

 

Warum es so viele Varianten gibt, hat mit Sprache, Geschichte und Stilrichtungen zu tun. Es gibt keine einheitliche Umschrift aus dem Kantonesischen ins Deutsche oder Englische, und jede Linie hat im Laufe der Zeit ihre eigene Schreibweise gewählt. Teilweise, um sich sprachlich abzugrenzen, teilweise auch als bewusstes Zeichen eigener Identität.

 

Und auch wenn der Ursprung meist identisch ist, könnten sich viele der einzelnen Stile innerhalb der Wing-Chun-Familie kaum unterschiedlicher präsentieren. Woran das liegt? Wahrscheinlich an den unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden, den verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen der Lehrenden – und daran, dass jede Generation eigene Schwerpunkte setzt, abhängig von Erfahrung, Umfeld und Persönlichkeit.

 

 

Chinesische Schriftzeichen für "ewiger Frühling" in stilvoller, künstlerischer Darstellung.

Die Schreibweise Wing Chun ist dabei die bekannteste und neutralste. Sie wird oft verwendet, wenn man allgemein über die Kampfkunst spricht, unabhängig von Stilrichtung oder Lehrerlinie.

 

Ving Tsun hat ursprünglich eine besondere Bedeutung. Diese Schreibweise wurde von Ip Man selbst verwendet. Viele seiner direkten Schüler, darunter Wong Shun Leung, haben sie übernommen, um ihre Verbindung zu dieser Linie zu zeigen. Wenn du also irgendwo Ving Tsun liest, kann das auf eine Herkunft aus der Ip-Man-Tradition hinweisen, besonders aus der Linie von Wong Shun Leung, die für einen direkten, funktionalen Zugang zum System steht. Heute wird diese Schreibweise aber auch von vielen anderen genutzt, unabhängig von ihrer tatsächlichen Linie. Sie ist also kein Garant für bestimmte Inhalte oder eine bestimmte Qualität. Entscheidend ist letztlich, wie trainiert und vermittelt wird, nicht wie es geschrieben wird.

 

All diese Varianten zeigen, wie lebendig und vielfältig Wing Chun heute ist. Aber der Name allein sagt wenig. Wichtiger ist, wie ehrlich unterrichtet wird, wie das Training aufgebaut ist und ob es zu dir passt. Denn am Ende zählt nicht die Schreibweise, sondern die Erfahrung, die du im Training machst.

Ving Tsun Kung Fu in Wunstorf

Wenn du neugierig bist, wie Ving Tsun Kung Fu funktioniert, dann komm gern vorbei und mach dir selbst ein Bild. 

 

Du brauchst keine Vorerfahrung, keine besondere Fitness – nur ein bisschen Neugier und Lust, etwas Neues auszuprobieren.

 

Ich freue mich, dich beim Training kennenzulernen.

Mann sitzt im Schneidersitz auf einem Sessel, umgeben von Pflanzen und Tageslicht.

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